Facebook-Hetzer anzeigen oder nicht?

Enno Lenze Medien

Ich benutze das Internet nun seit mehr als zwanzig Jahren. Leute, die hetzen oder absichtlich trollen, gab es immer schon. Früher hat man die einfach ignoriert. Ignorieren klappt aber nur, wenn es mehr oder minder alle Leute machen. Vor allem hilft das bei Trollen, also Menschen, die einen gezielt nerven wollen. Lässt man diese ins Leere laufen, wird es langweilig.

drohung
Man kann sich aber auch fragen, warum man eigentlich bedroht und beleidigt wird und ob man nicht selber etwas falsch macht. Bei mir sind die Gründe der Kritik vielfältig und oft gegenläufig. Auf niedrigem Niveau werde ich immer wieder beschimpft, weil ich „gegen Israel“ bin. Das bin ich angeblich, weil ich immer wieder nicht verstehe, warum die israelische Armee zivile Opfer in Kauf nimmt beim Kampf gegen radikale Palästinenser. Ich werde auch beschimpft, weil ich „gegen Palästina“ bin. Das bin ich angeblich, weil ich immer wieder nicht verstehe, warum die radikalen Palästinenser zivile Opfer in Kauf nehmen beim Kampf gegen israelische Armee. So geht das mit verschiedenen Themen hin und her. Großer Stein des Anstoßes ist auch immer wieder, dass ich Kurdistan besuche und dort von der IS Front berichte. „Kurdistan“ ist die kurze Form für "Autonome Region Kurdistan" oder "Kurdistan - region of iraq". Der Name sowie die Grenzen leiten sich aus Artikel 141 der irakischen Verfassung ab. Aber alleine der Fakt, dass man dort war und das Wort "Kurdistan" im Sinne der Verfassung verwendet, regt immer wieder Menschen zu Hasstiraden und Morddrohungen an. Ich habe 5.000 Tickets für mein Museum an Flüchtlinge gespendet. Mein Verlag hat den Top-Seller Film "Making of Berlin" über die Geschichte Berlins ins Arabische übersetzen lassen und kostenlos für Flüchtlinge ins Internet gestellt. Von beiden Aktionen geht keinem Menschen der Welt etwas verloren. Für niemanden wird etwas schlechter und kein Cent Steuergelder wurde verschwendet. Auch das sorgte für viele wüste Drohungen und für herzzerreißendes rumheulen: „Warum bekommen die Flüchtlinge etwas geschenkt, aber unsere deutschen Schulkinder nicht“ - Man steht also nicht mal zu seinem Hass, sondern schiebt andere vor. Die formale Antwort ist aber auch ganz einfach: Die deutschen Schulkinder lernen das in der Schule – auf Steuerkosten.

Nach einer Betrachtung dieser Punkte denke ich: Nein, es liegt nicht an mir. Ich rege mich gerne über Rassisten auf und Menschen, die sich eigenmächtig von der Bildung zurückgezogen haben, aber ich drohe und beleidige eigentlich nicht. Aber warum sich mit diesen Leuten befassen?

Leute, die hetzen tun dies auch, wenn man sie ignoriert. Und sie können andere animieren das gleiche zu tun oder gar einen anzugreifen. Das andere Problem ist, dass die Täter irgendwann meinen, dass es völlig in Ordnung ist Menschen zu bedrohen oder zu beleidigen. Hetzer und Trolle haben gemein, dass manche Leute sich von Ihnen beeindrucken lassen. Diese Leute stellen dann ihr Engagement für oder gegen etwas ein oder machen es zumindest nicht mehr öffentlich.

Nun die Frage was tun: Dennoch ignorieren? Anzeigen? Knochenbrecher in der dunklen Gasse beauftragen? Und mit wem bespricht man das qualifiziert? Die Polizei bzw. das LKA rät im Normalfall weder zu einer Anzeige noch dagegen. Dort gibt es nur die Gespräche zur Bedrohungslage. Bei den Personenschützern des Vertrauens gibt es gutes Training und viele Ratschläge zur Sicherheit, aber nichts richtig zu diesem Thema und im Freundes- und Bekanntenkreis gibt es polarisierte Diskussionen. Am Ende muss man das mit sich selber ausmachen.

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Weder möchte ich, dass die Leute meinen, ihre Drohungen seien total in Ordnung, noch möchte ich, dass sie weitere Täter zum Nachahmen animieren. Daher bin ich dazu übergegangen alle eindeutigen Beleidigungen und Bedrohungen anzuzeigen und Strafantrag zu stellen. Das kostet anfangs etwas Zeit, aber man lernt die Landeskriminalämter schnell kennen und findet einfache Wege, die Abläufe zu optimieren. Am Ende sitzt man ab und zu am Wochenende da, sortiert Screenshots, URLs und anderes und packt dieses für die nächste Einreichung zusammen. Und man hat die Hoffnung, dass es irgend etwas hilft.

Wer sich selber ein Bild der Einsendungen machen möchte, kann meine Flickr Gallerie "Ennos kleine Hassparade" besuchen.

Update ein Jahr später: Bringt das was?

Nachdem ich das ganze nun rund ein Jahr lang gemacht habe: Es bringt sehr viel. Auf den diversen Kanälen sind die Drohungen und Beleidigungen massiv zurück gegangen. Aber auch die dummen Kommentare sind immer weniger geworden. Also hat es sich entweder in der entsprechenden Branche rumgesprochen oder es waren so wenige Leute, dass alle von ihnen bei der Polizei vorsprechen mussten und die Lust verloren haben.