Flüchtlinge in Kurdistan

Vor sieben Jahren lief ich zum ersten Mal durch das Flüchtlingscamp „Domiz“, welches sich neben der Stadt Dohuk in Kurdistan-Irak befindet. Am Ende einer Straße ging es im Schlamm weiter. Einfach eine matschige Fläche voller Zelte. Wie auf einem Festival-Gelände, nach dem Regenschauer. Mehrmals steckte ich knöcheltief fest und verstand, warum sich alle anderen Plastiktüten über die Füße gezogen und diese mit Gaffertape befestigt hatten. Es gab eine Grundversorgung mit allem, was zum Leben nötig war. Die kurdische Regionalregierung erwartete rund eine Million Flüchtlinge aus Syrien. Noch ahnte niemand, dass in einem Jahr eine weitere Million IDPs (Binnenflüchtlinge) aus dem Rest-Irak kommen sollten. Die irakische Zentralregierung hielt sich aus der ganzen Sache raus. Internationale Organisationen halfen, wo es ging. Unter den gegebenen Umständen war es eine beeindruckende Leistung - aber wirklich lebenswert war dieser Ort nicht. 

Camp Domiz 2013: Schlamm und Zelte

Camp Domiz 2013: Schlamm und Zelte


Die "Ladenstraße" 2013. Ein paar wackelige Tische

Sieben Jahre später: Im Camp Domiz 1, wie es inzwischen heisst, leben rund 30.000 Personen. In Kurdistan-Irak insgesamt mehr als 1.5 Millionen Flüchtlinge und IDPs. Über eine vierspurige, asphaltierte Straße kommt man zum Eingang des Camps. Zum Schutz der Einwohner ist es komplett umzäunt und vom Militär gesichert. Die Bewohner können einfach rein und raus, Journalisten und Gäste werden inzwischen streng kontrolliert. „Das ist kein Zoo. Du möchtest ja auch nicht, dass fremde Ausländer mit einer Kamera durch deinen Vorgarten laufen und deine Kinder fotografieren. Aber natürlich sind alle willkommen, die hierüber berichten wollen. Das ist ein Balanceakt“, erklärt mir der Leiter des Camps. Vorher sprach ich mit dem zuständigen Mitarbeiter des Nachrichtendienstes. Man hat Sorge, dass IS-Sympathisanten versuchen in das Camp zu kommen. Nur, weil ich einen deutschen Pass und eine Presseakkreditierung habe, bin ich nicht über jeden Zweifel erhaben. Eine kurze Google Recherche zeigt Artikel und Fotos von mir in großen Medien, sie sehen, dass ich seit Jahren in der Gegend unterwegs bin. „Sorry fürs Aufhalten, aber die Leute hier verlassen sich darauf, dass wir sie schützen“. 


Camp Domiz 2020: Wie eine kleine Stadt

Das Camp habe ich in den vergangenen Jahren immer wieder besucht. Es ist kaum wiederzukennen. Eine mehrspurige asphaltierte Hauptstraße zieht sich hunderte Meter lang durch das Camp. Von dieser gehen befestigte Straßen ab. Rechts und links gibt es Geschäfte für alles: Mode, Souvenirs, Flachbildfernseher, Computer, Handies, Brautmode, Kameras. Besser, als in vielen Dörfern in Deutschland. Kinder rennen durch die Gegend und spielen, Bewohner winken mir zu und fragen, woher ich komme. „Oh, Deutschland? Danke Angela! Danke Ursula!“. Deutsche genießen hier einen guten Ruf. „Ihr sagt ‚Mutti‘ zu ihr oder? Wir auch! Sie hat sich um unsere Kinder gekümmert, als der Rest der Welt weggesehen hat! Ihr habt uns aufgenommen! Danke dafür“. Der Dank an Ursula von der Leyen beruht vor allem auf der Lieferung von MILAN-Raketenwerfern, welche einen Umschwung im Kampf gegen den IS brachten und viele Leben auf der kurdischen Seite geschützt haben. Deutsche rümpfen da oft die Nase - wie kann man sich über Waffen freuen? Aber es ist einfach, die Welt so zu sehen, wenn die eigene Familie nicht von einem fahrenden Selbstmordattentäter zerfetzt wurde. Ich habe die Opfer solcher Angriffe gesehen, bzw. Teile von ihnen. Ich kann gut nachvollziehen, dass sich die Leute dort über diese „Geschenke“ von „Ursula“ freuen.


2020: Shops für alles

Folgt man den vielen verzweigten Wegen durch das Camp, so sieht man keine Zelte mehr. Die Planen werden als Sonnenschutz oder für Gewächshäuser genutzt. Aber die Bewohner leben inzwischen in kleinen Häusern. Es wirkt wie eine riesige Schrebergartenkolonie. Einige Häuser sind sehr schön verziert, andere bunt angemalt, wieder andere mit Deko-Folien beklebt. Doch einen anderen Teil der Entwicklung kann man mit dem Auge kaum sehen: Die Infrastruktur.


2020: Verzierte, kleine Häuser

Hatte man 2013 noch regelmäßig stundenlange Stromausfälle, so fällt der Strom heute nur noch ab und zu für Minuten aus. Meist, weil jemand eine neue Leitung verlegt hat und etwas schief geht. Dann geht aus jedem Haus ein Kind mit einem Stock zum nächsten Strommast. An diesen sind die Sicherungskästen montiert von denen aus die Leitung zum Haus geht. Bei Problemen fliegen erstmal alle Sicherungen raus, die Kinder recken sich, bis sie mit dem Stock ihre Sicherung erreichen und drücken sie wieder rein. 

Auch die Wasserqualität hat sich verbessert. Statt Wasserkanistern und Dixieklos gibt es nun Frisch- und Abwasser im Haus. Das Wasser ist oft so gut, dass man es als Europäer trinken kann. Ich traue mich dennoch nicht, es zu probieren. In einer Ecke gibt es Obst- und Gemüsegärten, welche schön gestaltet sind. Eine Gruppe alter Frauen sitzt dort und bietet mir Essen an. Ich lehne dankend ab. Es schmeckt meist hervorragend, aber man sitzt lange dort und es kommen immer mehr Leute der Familie, die einen kennen lernen wollen. Sie möchten nichts von einem. Sie freuen sich nur und sind Gastfreundlich. Aber man kommt kaum wieder weg. Die Frauen und ich sprechen keine gemeinsame Sprache, dennoch verstehen wir uns. Sie winken und wenden sich wieder lachend ihrem Gespräch zu. 

Fragt man die Menschen hier, wann sie wieder nach Hause können, dann sagen sie „in zwei bis drei Monaten“. Es sind immer zwei bis drei Monate, seit Jahren.  Aber die Menschen haben hier Häuser, sie haben Schulen, Gotteshäuser, Shops und Spielplätze. Junge Pärchen heiraten, bekommen Kinder, gehen einem zu eintönigen Alltag nach und treffen Freunde. 

Sie haben das, was der IS ihnen nehmen wollte: Eine Zukunft.