Schiitische Milizen im Irak treffen

In großen Gebieten des Irak herrscht nicht die irakische Regierung, sondern die schiitischen Miliz Badr Organisation. Die anderen schiitischen Milizen und die irakische Polizei unterstehen dem Innenministerium, welches maßgeblich von der Badr Organisation geführt wird. Schon die Frage, wer wo die Macht hat, lässt sich oft kaum beantworten. Doch wie kam es dazu? Ich habe Mitglieder der Badr Organisation getroffen und mit ihnen über die Situation gesprochen.

Was sind schiitische Milizen

Es ist schwierig, die vom Iran gestützten schiitischen Milizen (welche auch „Hashd al-Shaabi“ genannt werden und von der Badr Organisation beherrscht werden) zu erklären, ohne weit in den Nahost-Konflikt auszuholen. Abgesehen von diesem Machtkonflikt zwischen irakischer Regierung und schiitischen Milizen gibt es im Nordirak die Autonome Region Kurdistan. Diese verfügt über eigene Grenzübergänge zum Rest-Irak, hat ein eigenes Militär, eigene Polizei und eigene Gesetze. Das Verhältnis zwischen den schiitischen Milizen und der kurdischen Regionalregierung ist kompliziert. Die Kurden sind froh, wenn sie ihre Ruhe haben. Aber es gab immer wieder Kämpfe zwischen den beiden Gruppen. Das Verhältnis von irakischer Regierung zur kurdischen Regionalregierung ist ebenfalls kompliziert. Derzeit streitet man sich vor allem politisch, die letzten Kämpfe sind jedoch nicht einmal drei Jahre her.

Was ist Badr

Die Badr Organisation ist eine vom Iran gegründete politische und militärische Organisation im Irak. Sie nimmt dort eine führende Rolle ein, wo ein Machtvakuum entsteht. Wo sie einmal ist, geht sie nicht ohne weiteres wieder weg. Was aus Sicht des Staates ein großes Problem ist, wird aber von Teilen der Bevölkerung begrüßt, anderen Teilen ist es egal. Und das macht es so kompliziert. Bereits 2003 kämpfte Badr mit (nach eigenen Angaben) 10.000 Mann im Irak gegen Saddams Armee, welche 2005 komplett aufgelöst wurde. Anschließend engagierten sie sich politisch und traten bei den Wahlen an, bei denen sie einstellige Prozente erhielten. Die Organisation begann sofort, wichtige Posten in verschiedenen Ministerien zu besetzen. Sie stellten Minister und Militärgouverneure. Wobei die Posten ganz oben, in der Praxis gar nicht die entscheidenden sind. Viel wichtiger ist, dass Badr über die Jahre das Verkehrs- und Innenministerium sowie Polizei und Militär mit ihren Leuten durchsetzt hat. Und es gibt kein wirkliches Gegengewicht. Die Politik und Verwaltung im Irak ist von Korruption und Eigennutz geprägt. Es gibt kaum Staatsdiener, die aus Liebe zum eigenen Volk oder aus Patriotismus etwas gegen die Macht der Badr Organisation unternehmen würden.

Wer kontrolliert was

Badr hat somit nicht nur die de facto Kontrolle über diese Teile der Verwaltung, sie haben auch nichts vom Militär, der Polizei oder der Regierung zu befürchten. Selbst Anweisungen der irakischen und der US-Regierung, sich aus Kämpfen oder Gebieten heraus zu halten, haben sie ignoriert. So zum Beispiel bei der Schlacht um Falluja 2016, bei der die 4. Badr Brigade an Kampfhandlungen teilnahm und auch Präsenz in der Stadt zeigte. Es blieb für sie folgenlos. Ihre Begründung war, Kriegsverbrechen durch die irakische Armee an den Zivilisten zu verhindern. Die irakische Armee wiederum bezichtigt Badr, dort Kriegsverbrechen aus Rache begangen zu haben.

Die Badr Organisation konnte seine Macht vor allem im Kampf gegen den IS seit 2013 in Syrien und seit 2014 im Irak ausbauen. Die irakische Armee implodierte nach dem Überfall des IS. Es gab berichte von 30-80% Deserteuren. Die irakische Regierung bat das Volk darum, sich zu bewaffnen und zu kämpfen. Mal sollte sich als „Hashd al-Shaabi“, also als Volksverteidigungseinheit, registrieren und dann unter dem Oberkommando der irakischen Armee operieren. Inzwischen gibt es ca. 50.000 Hashd al-Shaabi Kämpfer im Irak, davon sollen bis zu 30.000 unter der Kontrolle der Badr Organisation stehen. Da dieses Projekt der irakischen Regierung völlig entglitten ist, fehlt es an belastbaren Zahlen. An anderer Stelle wurde mir erklärt, die Badr habe 17.000 Mann unter Waffen. Dass sich weitere 13.000 Milizionäre unter ihr Kommando stellen, wäre möglich. Am Ende möchte jeder auf der Gewinnerseite stehen. Die Badr Organisation konnte den irakischen Staat und die irakische Armee somit als schwach und sich selber als Retter präsentieren. Und sie haben dabei nicht einmal gelogen. Die Lage war so schlimm. Dadurch, dass sie de facto das Innenministerium führen, unterstehen ihnen formal alle Teile der Hashd al-Shaabi. In der Praxis variiert das. Aus Sicht eines Deutschen, der halbwegs funktionierende Hierarchien gewohnt ist, ist das schwer zu verstehen.

Die Bevölkerung in den Gebieten hatte in ihrer Lebenszeit bereits Saddam, die Amerikaner, die neue irakische Regierung und den IS erlebt. Den meisten ist jede Administration recht, welche sie nicht verfolgt. Derzeit geht man davon aus, dass die Badr Organisation die Provinzen Diyala und Salah al-Din sowie die Stadt Mossul beherrscht. Somit müssten runf fünf Millionen (13%) der irakischen Bevölkerung unter ihrer Verwaltung leben.


2016 bei Chanaqin

Das sind die Gebiete zwischen Baghdad und der Autonomen Region Kurdistan. In der Provinz Diyala, beim Ort Chanaqin, traf ich bereits 2016 auf die Badr Organisation. Damals mussten wir einen langen Umweg um eine kaputte Brücke in Kauf nehmen oder das von ihnen kontrollierte und militärisch gesicherte Gebiet durchfahren. Sie galten als Kriegsverbrecher, der Feind, das Böse. Auch wenn ich sie nie gesehen hatte, hatte ich große Sorge. Zu meiner Überraschung erklärten sie mir, dass Journalisten in dem Gebiet freies Geleit genießen und ich somit gefahrlos ihr Gebiet auf direktem Wege durchfahren kann, so lange ich nicht anhalte oder filme. Wenige Minuten später hatten wir das Gebiet durchquert und rund zwei Stunden Umweg gespart. Die Milizionäre an der Ausfahrt unterhielten sich problemlos mit mir über dieses wirre Spiel. Sie waren öffentlichkeitsscheu, erklärten mir aber, dass sie ja kein Problem mit mir haben, so lange ich sie nicht angreife oder störe.

Mosul - der andere Planet

Vergangene Woche fuhr ich nach Mossul. Die Checkpoints dahin sind von schiitischen Milizen besetzt, die Polizei in der Stadt trägt irakische Uniformen. An den Flaggenmasten wehen oft beide Flaggen parallel. Wieder konnte ich problemlos in ihr Gebiet einfahren, wieder fühlte ich mich dabei nicht gut. Aber es gab praktisch keine Probleme. Auch anhalten, fotografieren und filmen war diesmal kein Problem. Die von ihnen gestellten Begleiter machten sich lediglich Sorgen um meine Sicherheit. Sie erklärten mir, dass sie zehntausende Männer unter Waffen haben, mehr als 300 gepanzerte Humvees sowie ein Dutzend Panzer und APCs (Gepanzerte Mannschaftstransportwagen). Prüfen konnte ich es nicht, aber sie verfügten über eine Menge moderner Waffen – besser als bei vielen der anderen Milizen.

Statt Wahlen zu gewinnen oder die Regierung aus dem Land zu jagen, gehen sie einfach dort hin, wo gerade sonst niemand ist. Sie besetzen die Checkpoints, übernehmen die Büros, sorgen für relative Sicherheit, vertreiben den IS. Das ist aus Sicht eines normalen Bewohners positiv und es regt sich kaum Widerstand gegen sie. Es häufen sich Berichte über Racheakte und Gräueltaten. Doch ohne unabhängige Beobachter oder Ermittlungsbehörden, ist es kaum möglich so etwas nach unseren Standards zu untersuchen.

Der irakische Staat ist nicht in der Lage die Macht zurück zu erlangen. Viele haben auch gar kein Interesse daran. Am Ende müssten irakische Soldaten, die ein paar hundert Dollar im Monat verdienen, diesen Kampf ausführen. Doch für die ist es viel einfacher nichts zu tun, oder sich der andere Seite anzuschließen. Im Zweifel einfach beides. Das staatliche Gehalt kassieren, aber für die Milizen arbeiten.

Die Amerikaner könnten versuchen, die Badr Organisation zu vertreiben, aber auch diese haben keine Lust ihre Soldaten zu opfern und am Ende keinen Vorteil zu erlangen. Ohne eine funktionierende irakische Armee würde nur wieder die nächste Miliz das Gelände übernehmen. Oder man müsste als Besatzungsmacht dort bleiben. Auch die Kurden haben kein Interesse daran – aus den gleichen Gründen. Sollte Badr aber in der Lage sein, einen Korridor vom Iran bis nach Syrien zu schaffen, so könnte der Iran schwere Waffen über diesen Weg bis nach Syrien und in den Libanon schaffen. Dort könnten diese auf Israel gerichtet werden und somit als Faustpfand im Falle eines US-Angriffs auf den Iran dienen. Und damit wären wir wieder beim großen Bild des Nahost-Konfliktes.

In Mossul gibt es keinen Wiederaufbau. Es wird auch nicht aufgeräumt. Es gibt kaum NGOs. Es fehlt die Berichterstattung aus der Stadt. Eigentlich passiert in Mossul gar nichts. Die Häuser sind zerfallen und es gibt kein schweres Gerät um aufzuräumen. Und für wen sollte man aufräumen? Die Bevölkerung ist stark dezimiert. Und wenn man Gebäude räumt, fehlt es an Baumaterial für neue. Zement, Fenster, gar Türen oder Lichtschalter. Wie in Berlin 1945 müsste man diese aus den zerfallenen Häusern sichern und neu verbauen. Die Bevölkerung lebt so vor sich hin. Die Administration hat Interesse an Macht, relativer Stabilität und der eigenen Politik. Die Stadt neu aufzubauen hat keine Priorität

Politisch und im Großen macht mir die starke Rolle der Badr Sorgen. Ein instabiler Irak schafft keine Sicherheit. Die Bevölkerung im Land ist nicht glücklich. Den Leuten in Mossul ist das egal. Kopf unten halten, Brot kaufen, irgendwie durchkommen. Für viele ist es besser als unterm IS, für andere nicht. Es ist wie immer im Irak: Es gibt Verlierer auf verschiedenen Ebenen, aber es gibt keine Gewinner.